Unser Redebeitrag auf der Gedenkveranstaltung zum 8. Mai 2026 in Buchholz
Wir veröffentlichen hier unseren Redebeitrag, der auf der Gedenkveranstaltung zum 8. Mai 2026 in Buchholz verlesen wurde. Weil die Bahn uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, konnten wir leider nicht direkt daran teilnehmen.
Liebe Anwesende, liebe Freund*innen, liebe Genoss*innen,
Judith Jaegermann war 11 Jahre alt, als sie im Sommer 1942 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Ruth aus Prag nach Theresienstadt deportiert wurde. Im Dezember 1943 verlegte die SS die jüdische Familie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo alle drei als „arbeitsfähig“ eingestuft wurden und so ihrer unmittelbaren Ermordung entgingen. Doch was folgte, war kein Leben – es war ein Überleben unter unmenschlichsten Bedingungen.
Jaegermann erinnerte sich so:
„Nach neun Monaten hatte man wieder einen Transport veranstaltet und der hat uns nach Hamburg gebracht zu Aufräumungsarbeiten. Das war sehr schwer. Das war eine schwere Zeit. Jede Frau hatte eine Schaufel in die Hand bekommen, mit der Schaufel nach oben, und wir sind zu Fuß immer in die sogenannte Stadt gekommen, wo alles schon zerbombt war. Da haben wir schwer gearbeitet, die Steine aufzuschaufeln oder manches Mal Schnee im Winter zu schaufeln. Es war eine schwere Zeit.
Nach weiteren neun Monaten hat man uns nach Bergen-Belsen geschickt, aber zu Fuß. Und da haben wir nur die Toten gesehen. Alle lagen auf dem Boden in dem Lager. Und es war der 15. April, als ein Panzer mit einem englischen Soldaten ins Lager kam und der sagte: ‘Kids, you are free. We are the British.’ – ‘Kinder, ihr seid frei. Wir sind die Engländer.’
Das konnten wir nicht glauben.“
Judith Jaegermann beschrieb damit aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Zwangsarbeit im KZ Neugraben, einem der Hamburger Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Sie überlebte – wie durch ein Wunder – mehrere Lager und schließlich den Todesmarsch nach Bergen-Belsen.
81 Jahre nach der Befreiung des KZ Neuengamme konnte die mittlerweile 96-Jährige am vergangenen Sonntag leider nicht persönlich in Hamburg sein. Ihre Worte hat sie in Israel aufgezeichnet – in dem Land, in dem sie nach der Schoah eine neue Heimat fand und sich ein Leben aufbaute.
Und dennoch: So eindrücklich ihre Worte sind – wir können nur erahnen, welches Leid ihr und ihrer Familie hier, in unserer unmittelbaren Umgebung, angetan wurde. Wir können nur erahnen, was es bedeutete, zwischen Leben und Tod zu stehen. Und wir können nur erahnen, was sie fühlten, als sie endlich befreit wurden.
Judith Jaegermann ist eine der letzten Zeug*innen dieser Verbrechen in unserer Region. Ihre Geschichte ist Mahnung. So wie die Geschichten der Millionen, die verfolgt, gequält und ermordet wurden.
Und ebenso gilt unser Dank all denen, die für die Befreiung Europas gekämpft haben – dem Widerstand im Deutschen Reich und in den besetzten Ländern ebenso wie den Soldat*innen der alliierten Armeen.
Danke – Thank you – спасибо – Merci – Dziękuję – Hvala – Bedankt – Дякую – Grazie – Efharisto – und a dank.
Ihr werdet uns ein Vorbild bleiben.
Doch wir erinnern nicht nur an die Opfer und die Befreier. Wir erinnern auch an die Täter*innen. An die, die dieses System getragen haben: Ideologen, Karrieristen, Profiteure – und die vielen, die schwiegen, wegsahen oder mitmachten.
Ob Gauleiter Otto Telschow, der zunächst von hier, von Buchholz und später von Harburg aus Statthalter des nationalsozialistischen Terrors im Gau Ost-Hannover war oder unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, die ausgrenzten, denunzierten, quälten, mordeten, sich bereicherten, schwiegen, wegsahen, vertuschten, verdrängten und leugneten – Millionen, die sich für ihre Taten nie verwantworten mussten.
Das Leid der Verfolgten und Ermordeten, der Mut des Widerstands und das Wissen um die Mittäterschaft einer ganzen Gesellschaft sind uns Verpflichtung und Auftrag zugleich.
Wir – das Harburger Bündnis „Einig gegen Rechts“ – sind dankbar, heute Teil dieses Gedenkens zu sein.
Wir sind ein Zusammenschluss von Menschen aus Hamburg-Harburg und Umgebung. Wir kommen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, vertreten unterschiedliche politische Positionen – aber uns eint der entschlossene Widerstand gegen rechte Ideologien, gegen Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Wir wissen: Diesen Kampf führt niemand allein.
Und genau deshalb handeln wir.
Deswegen sind wir da, wenn heute wieder eine extrem rechte, eine faschistoide Partei wie die AfD ihre Propaganda in unseren Städten und Dörfern verbreitet.
Deswegen sind wir laut, wenn die Normalisierung dieser Partei durch ihre Präsenz auf einem Dorffest vorangetrieben wird.
Deswegen zeigen wir uns solidarisch, wenn der Briefkasten einer jüdischen Familie in Hamburg-Harburg mit antisemitischen Markierungen versehen wird.
Deswegen unterstützen wir Geflüchtete in ihrem Kampf gegen menschenunwürdige Lebensbedingungen.
Deswegen schweigen wir nicht, wenn ein CDU-Lokalpolitiker aus dem Landkreis Harburg einen Social-Media-Beitrag mit „Arbeit macht frei“ kommentiert.
Deswegen klären wir auf, wenn selbsternannte „Friedensforscher“ antisemitische Verschwörungsmythen in unserer Nachbarschaft verbreiten.
Und deswegen werden wir auch in den kommenden Monaten verstärkt im niedersächsischen Kommunalwahlkampf präsent sein, um klar Stellung gegen die AfD zu beziehen und ihre menschenverachtende Propaganda nicht unwidersprochen zu lassen.
Wir freuen uns, in diesem Kampf die Genossinnen aus Heideruh sowie viele weitere Antifaschistinnen aus den Landkreisen Harburg und Stade an unserer Seite zu wissen.
Denn eines ist klar:
Erinnern heißt handeln.
Heute. Morgen. Und solange es notwendig ist.
Vielen Dank.



