Rassismus und Frauenhass auf Facebook – Suedlese lädt trotzdem ein

Der Harburger Lyriker Siegfried Kopf fällt seit Jahren durch menschenverachtende Äußerungen im Netz auf. Das Literaturformat „Suedlese – Literaturtage im Süden Hamburgs“ weiß davon – und schaut weg.

Er schreibt Lyrik, tritt bei lokalen Leseveranstaltungen auf und pflegt auf Facebook ein Weltbild, das Ausländer pauschal als Bedrohung rahmt und Frauen sexistisch erniedrigt.

Dieser Mann darf in Kürze bei der Leseveranstaltungsreihe „Suedlese“ auftreten. Das Harburger Bündnis „Einig gegen Rechts“ hat den Veranstalter zweimal schriftlich auf die Postings aufmerksam gemacht* – die Mails wurden ignoriert. Als Bündnismitglieder das persönliche Gespräch suchten, folgten Ausflüchte und Relativierungen. Die Entscheidung blieb bestehen: Kopf wird trotzdem auftreten dürfen.

Ein Skandal, der Fragen aufwirft: nicht nur über einen Autor, sondern über einen Veranstalter, der Haltung mit Gleichgültigkeit verwechselt.

Ein Mann, ein Weltbild – und Facebook als Bühne

Wer die öffentlich einsehbaren Facebook-Beiträge von Siegfried Kopf verfolgt, bekommt ein konsistentes Bild. Im August 2024 teilte er ein Meme mit dem Text: „Hamburg: Rot-Grün hat zu viel ausgegeben für Flüchtlinge – Nun geht es an die Sozialleistungen für deutsche Rentner!“ Eine klassische Täter-Opfer-Umkehr: Flüchtlinge als Kostenfaktor, der auf Kosten verdienter Deutscher geht.

Im August 2025 forderte er bei angeblichen „jugendlichen Ausfällen“ in Harburg, „Ross und Reiter zu benennen“ – und schob nach: „Kommt mir nicht damit, dass es Deutsche sind, nur weil sie hier geboren wurden.“ Klarer lässt sich ein ethnisches Nationenverständnis kaum formulieren: Deutsch ist nicht, wer hier geboren wurde, sondern wer das richtige Blut mitbringt. Dass er die Täter nicht explizit benennt, ist Kalkül, kein Zufall – die Botschaft kommt an, ohne dass sie beweisbar ist.

Beim Abschied von seinem Flohmarktprojekt schrieb Kopf, die „neuen Ausländer“ seien schlicht „respektlos“ und hätten keinen „Respekt vor unseren Frauen“ gezeigt. Die pauschale Gleichsetzung einer gesamten Bevölkerungsgruppe mit Respektlosigkeit und weiblicher Bedrohung ist nicht Meinungsfreiheit – sie geht in Richtung Volksverhetzung in Alltagssprache.

Anlässlich einer Razzia in Harburg schrieb er im August 2025, die „Multi-Kulti-Gesellschaft“ brauche „spezielle Angebote für ihre Mentalität“ und Harburg sei „in Vielfalt schon fast übernommen“. Das Wort „übernommen“ entstammt dem Vokabular der Großen-Austausch-Theorie – einer Verschwörungserzählung, die in rechtsextremen Kreisen kursiert und reale Gewalt befeuert hat.
Der Tiefpunkt der Misogynie.

Besonders erschreckend ist ein Screenshot, der einen Kommentar Kopfs gegenüber einer Frau dokumentiert. Auf ein von ihr gepostetes Bild antwortete er öffentlich: „Dicke, häßliche Weiber möchte ich auch nicht ficken – ihr seid so häßlich!“ Eine Frau, die einen harmlosen Kommentar hinterlässt, wird von ihm auf ihre vermeintliche sexuelle Verwertbarkeit reduziert und öffentlich erniedrigt.

Auch gegenüber Mitgliedern der Antifa wurde er handgreiflich im Ton: „Wenn ihr kleinen Arschlöcher mich hier nicht leben lasst, zähle ich euch aus, ich kenne jeden von euch… sonst schlägt es grausam zurück!“ – eine Drohung, öffentlich und ohne Umschweife formuliert.

Suedlese: Ignoranz als Programm

Das Harburger Bündnis „Einig gegen Rechts“ wandte sich zweimal per Mail an Suedlese und damit an Heiko Langanke, den Initiator der Suedlese, und legte die Postings* detailliert dar. Keine Antwort. Als zwei Bündnismitglieder schließlich persönlich im Büro vorsprachen, wurde aus dem Schweigen kein Dialog – sondern eine Lektion in institutioneller Feigheit.

Die ausgebliebene Antwort auf die Mails erklärte H.L. damit, grundsätzlich nicht auf „anonyme Nachrichten“ zu reagieren – obwohl die Mails mit dem Absender „Harburger Bündnis „Einig gegen Rechts“ versehen waren. Eine schlichte Unwahrheit, vorgetragen als Argument.

Das in der zweiten Mail gesetzte Antwortfenster bezeichnete er als „erpresserisch“. Diese Wortwahl ist entlarvend: Wer zivilgesellschaftliche Intervention gegen Rassismus als Nötigung rahmt, hat das Problem nicht verstanden – oder will es nicht verstehen.

Dann folgte die kulturpolitische Standardausrede: Trennung von Werk und Autor. Kopfs Texte selbst verstießen nicht gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung, er sei ohnehin ein bedeutungsloser „Spinner“ – man könne ihn einfach gewähren lassen. Was H.L. dabei übersieht oder verdrängt: Eine Bühne ist kein neutraler Raum. Wie man ein Werk vom Künstler trennen will, während der Autor sein Werk selber vorliest, ist für uns nicht nachzuvollziehen. Wer jemandem eine Lesebühne gibt, verleiht ihm Legitimität. Wer das wissentlich für einen Mann tut, der Frauen sexuell erniedrigt und Ausländer pauschal als Bedrohung markiert, trägt Mitverantwortung.

Besonders pikant: H.L. räumte im selben Gespräch ein, bei früheren Veranstaltungen interveniert zu haben, wenn Beiträge inakzeptabel waren. Er ist also durchaus in der Lage, Grenzen zu ziehen – er will es hier nur nicht. Der Widerspruch wurde nicht einmal reflektiert.

Das Bündnis formulierte seine Erwartungen klar: Eine öffentliche Distanzierung von Kopf und das Eingeständnis, dass die Einladung ein Fehler war. Es bot gleichzeitig aktive Unterstützung bei einer konstruktiven Lösung an. Beides wurde abgelehnt. Kopf darf auftreten.

Keine Grauzone

Es gibt Debatten, in denen man verschiedene Positionen vertreten kann. Diese gehört nicht dazu. Siegfried Kopf hat öffentlich, wiederholt und unmissverständlich Hass verbreitet – gegen vermeintliche Ausländer, gegen Frauen, gegen politische Gegner. Das ist kein privates Entgleisen, das ist ein Muster. Die Suedlese kennt dieses Muster. Sie hat sich entschieden, es zu ignorieren.
Das ist keine Frage der Kunstfreiheit. Das ist eine Frage der Haltung. Und wer in Zeiten wachsender rechter Gewalt und zunehmender Normalisierung von Ausländerfeindlichkeit „Eigenverantwortung“ als Antwort auf Rassismus anbietet, hat keine Haltung. Der hat eine Lücke, wo keine sein sollte.

Die Suedlese schuldet der Öffentlichkeit eine Erklärung. Solange sie ausbleibt, ist die Einladung an Siegfried Kopf die Erklärung.

* Auf zwei der Postings ist das Harburger Bündnis erst nach den gesendeten Mails und nach der Vorsprache aufmerksam gemacht wurden.
Alle genannten Zitate liegen dem Harburger Bündnis als Screenshots vor

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