Keine Bühne für die AfD an Schulen – Offener Brief zur Podiumsdiskussion in Neu Wulmstorf

Anlässlich einer für den 9. September geplanten schulischen Informationsveranstaltung in Neu Wulmstorf, zu der auch der AfD-Bürgermeisterkandidat Dirk Marx eingeladen wurde, haben sich zahlreiche demokratische Initiativen mit einem offenen Brief an die Schule gewandt. Darin fordern sie, der Normalisierung rechtsextremer Positionen im schulischen Raum entgegenzutreten und Dirk Marx von der Podiumsdiskussion auszuschließen. Auch das Harburger Bündnis „Einig gegen Rechts“ gehört zu den Unterzeichnenden.

Diesen offenen Brief dokumentieren wir hier für euch:

Sehr geehrter Herr Berthold,
sehr geehrte Kolleg:innen des Schulleitungsteams,
sehr geehrte Vertreter:innen des Schulelternrats,
sehr geehrte Damen und Herren des Schulvorstandes,
liebe Schüler:innen des Sechserrats,

uns wurde kürzlich von mehreren sehr besorgten Eltern zugetragen, dass zu einer anstehenden schulischen Informationsveranstaltung am 09. September in der 3. und 4. Unterrichtsstunde auch der Bürgermeisterkandidat der AfD, Dirk Marx, eingeladen werden soll – ohne die Elternschaft über diese Entscheidung zu informieren.

Wir bitten Sie als Schulleitung sowie als Vertreter:innen der Eltern- und Schüler:innenschaft eindringlich: Wenden Sie diese eklatante Normalisierung der demokratiegefährdenden AfD ab. Neutralisieren Sie Dirk Marx nicht als wählbare Option und schließen Sie ihn von der Podiumsdiskussion aus.

Selbstverständlich sind Formate zu begrüßen, die eine demokratische Kultur und das pluralistische Miteinander fördern und mitunter sogar herausfordern.

Im Falle der AfD liegen jedoch nicht einfach diskutable, „herausfordernde“ politische Positionen vor. Ihnen wird bewusst sein, dass diese Partei aufgrund ihrer rassistischen, antisemitischen, menschenverachtenden, verfassungsfeindlichen und faschistoiden Standards eine Gefährdung der freiheitlich demokratischen Grundordnung und damit auch des „Schutzraums Schule“ darstellt, der bei Ihnen zudem als „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ abgesichert sein soll.

Was die Gefährdungslage noch verschärft: Sie wissen sicherlich, dass der AfD-Landesverband Niedersachsen vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch geführt wird. Dirk Marx fungiert als stellvertretender Vorsitzender des dazugehörigen Kreisverbandes Harburg Land. Auch wenn sich der Kommunalpolitiker als „harmlos“ inszeniert, zeigt der Blick auf sein direktes Umfeld die alarmierende Nähe zu extrem rechten Kreisen und Positionen, von denen er sich nicht distanziert:
Robert Offermann, Kreisvorsitzender, pflegt beispielsweise Verbindungen zur rechtsextremen „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“, gehört der rechten Studentenverbindung „Germania Marburg“ an und war an mindestens einem rechtsextremen Naziaufmarsch in Dresden beteiligt.

„Gottlose Kanackenstadt“, so bezeichnete die extrem rechte Jugendvorständin der AfD Jugendorganisation „Generation Deutschland“, Julia Gehrckens, die Stadt Pforzheim. Sie gehört dem rechten Frauennetzwerk „Lukreta“ an und ist Teil von Robert Offermanns Kreisvorstand.

Die AfD verfolgt bundespolitisch gesteuert eine gezielte Strategie der „ländlichen Raumnahme“: Ein erheblicher Zuwachs an Ortsverbandsgründungen, Bürgermeisterkandidaturen sowie bewusst inszenierte „Köderveranstaltungen“, sind bundesweit zu beobachten. Auf diese Weise versucht die AfD eine politische Vormachtstellung im ländlichen Raum zu gewinnen, den andere Parteien vermeintlich aufgeben oder vernachlässigen. Immobilien und öffentliche Räume werden in diesem Zuge strategisch eingenommen.

Allein der Kreisverband Harburg Land stellt zur niedersächsischen Kommunalwahl 2026 vier Bürgermeisterkandidaten auf, alle sind Vertreter:innen des Kreisvorstandes. Wir bewerten dies als ein absolut besorgniserregendes Infiltrationsszenario, dem in keinem Fall Vorschub geleistet werden darf.

Wir fragen Sie: „Wie konnte es vor all diesen Hintergründen zu der Entscheidung kommen, Dirk Marx und damit auch „personifiziertem Rechtsextremismus“ eine Bühne bieten zu wollen?

Es muss Klarheit darüber bestehen, dass die Anwesenheit von Dirk Marx den Schüler:innen ihren sicheren Raum nimmt, den eine Schulveranstaltung für die gesamte Schüler:innenschaft gleichermaßen eröffnen muss, gerade auch denjenigen, die nicht von „weißen Privilegien“ profitieren können.

Besonders mehrfach marginalisierte, insbesondere migrantisch gelesene, junge Menschen, müssen deutschlandweit aufgrund einer gefährlichen Normalisierung der Partei um ihre Staatsbürgerschaft, ihr Wohlbefinden und ihre Sicherheit fürchten. Sie werden durch eine Präsenz der AfD in ihrem Lernraum einer Aura von existentieller Bedrohung ausgesetzt, was unbedingt zu verhindern ist.

Den Einzug der AfD in den Schulrahmen zu ermöglichen, entspricht zudem keinesfalls dem im Bildungssektor herrschenden Neutralitätsgebot. Politische Neutralität von Lehrkräften bedeutet, keiner Partei Vorrang einzuräumen, nicht jedoch, demokratiefeindliche Parteien nicht ausschließen zu dürfen.

Ihre Lehrkräfte haben einen Diensteid geschworen, der sie gesetzlich dazu verpflichtet, aktiv für die freiheitlich demokratische Grundordnung und das Grundgesetz einzutreten. Daraus ergibt sich eine Bildungs- und Schutzverantwortung gegenüber ihren Schüler:innen, unter anderem in Form einer pädagogischen Begleitung im oben beschriebenen Sinne. Auch die für den Bildungsbereich zuständige Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft stellt diesen Zusammenhang deutlich heraus.

Um die engagierte und ausdrücklich zu fördernde Mitgestaltung des Schullebens durch Ihre Schüler:innen umzusetzen und einen reflektierten Umgang mit der AfD zu entwickeln, bedarf es einer Begleitung innerhalb eines geschützten Rahmens. „Verfassungsfeindliche Positionen sollen pädagogisch begleitet und fachdidaktisch aufbereitet behandelt werden. Ein direktes Aufeinandertreffen mit AfD-Vertreter:innen ist für eine sachliche Auseinandersetzung nicht erforderlich“, so Prof. Dr. Sabine Achour von der Deutschen Vereinigung für politische Bildung Berlin. Diese Sichtweise unterstützen wir ganz ausdrücklich.

Wir bitten Sie noch einmal eindringlich: Zeigen Sie Haltung und haben Sie den Mut, den unwählbaren Bürgermeisteramtskandidaten Dirk Marx von der anstehenden Bildungsveranstaltung mit klarer Haltung auszuschließen.

Wir versichern Ihnen zugleich: Sollten Sie hierbei Unterstützung benötigen, stehen wir als Initiativen verlässlich an Ihrer Seite.

Mit freundlichen Grüßen,
die Unterzeichnenden:
Liste der Logos von Unterzeichnerinnen des Offenen Briefs

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